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01.11.2019

Archivale des Monats November 2019

Landesarchiv Baden-Württemberg - Staatsarchiv Ludwigsburg, K 28 Bü 104

Die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung unter den Nationalsozialisten im Zuge der Shoah gehört zu den größten Raubaktionen in der jüngeren Geschichte Europas. An dem Raubzug waren staatliche und kommunale Behörden, Parteifunktionäre der NSDAP, Vertreter aus der Wirtschaft und eine Vielzahl von Privatpersonen beteiligt. Zu den staatlichen Stellen, die besonders massiv an dem Entzug jüdischen Vermögens beteiligt waren, gehörten Dienststellen der Finanzverwaltung. Sie hatten nicht nur immer neue Sonderabgaben einzutreiben, sondern wurden auch mit der Verwertung des beschlagnahmten Restvermögens der deportierten Juden beauftragt.

Umso bedauerlicher ist es, dass von den Akten der Finanzverwaltung über diese Vorgänge nur geringe Reste erhalten sind. Im Staatsarchiv Ludwigsburg haben sich entsprechende Akten nur von den Finanzämtern Bad Mergentheim, Heilbronn und Schwäbisch Gmünd erhalten. In anderen Archivabteilungen sind ebenfalls gewisse Überlieferungsreste vorhanden. Der Mergentheimer Aktenbestand besitzt dabei eine besondere Bedeutung, weil sich unter den Unterlagen dieses Finanzamts neben den Einzelfallakten jüdischer Steuerpflichtiger auch die Handakten des Finanzbeamten Gottlob Belzner erhalten haben. Diese hatte er angelegt, als er mit der Verwertung des Vermögens der deportierten Juden betraut war. Unter seinen Papieren finden sich insbesondere Aufzeichnungen über Versteigerungen, aus denen man ersehen kann, wer welche Objekte aus der Hinterlassenschaft eines Juden erworben hat. Wie akribisch sich Belzner um eine Bewertung der eingezogenen Gegenstände bemühte, belegt das vorliegende Dokument, mit dem ein von ihm beauftragter Juwelier verschiedene goldene und silberne Schmuckstücke und Haushaltsgegenstände hinsichtlich ihres Edelmetallgehalts und ihres Gebrauchswerts taxierte. Anhand der Zusammenstellung lassen sich teilweise die vorherigen Besitzer ermitteln. Das unscheinbare Dokument verdeutlicht damit das ganze Ausmaß des Raubzugs und die bürokratische Perfektion, die man bei seiner Durchführung an den Tag legte.

Ein Archivale aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg - Staatsarchiv Ludwigsburg K 28 Bü 104.
Die Akten jüdischer Steuerpflichtiger aus den drei Finanzämtern stehen, soweit keine archivrechtlichen Sperrfristen mehr zu beachten sind, vollständig als Digitalisate im Internet zur Verfügung.

Die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung steht im Mittelpunkt einer zusammen mit dem Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb erarbeiteten Ausstellung, die vom 7. November 2019 bis 7. März 2020 im Staatsarchiv Ludwigsburg gezeigt wird und danach auf Wanderschaft gehen wird.


Tags:

Staatsarchiv Ludwigsburg, Archivale des Monats, 20. Jahrhundert